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Panina

...eine Rumänin mit multipler Persönlichkeit

Panina Nach Clouds überraschendem (und gefühlt nie zu verarbeitendem) Tod war der Plan eigentlich, erstmal eine ganze Weile zu warten, bis ein neuer Hund einzieht. Und eigentlich wollte ich wieder einen Bordercollie - und am liebsten auch wieder von Welpe an oder wenigstens ziemlich jung.

Aber wie heißt es so schön: Leben ist das, was passiert, während du andere Pläne machst. Und irgendwie war es dann auch so.

Da Pearl ja keine größeren Runden mehr laufen konnte, hab ich mich täglich mehrfach dazu aufgerafft, die typischen Spazierwege, die ich sonst mit Cloud zurückgelegt habe, nun alleine zu gehen. Aber ganz ehrlich: Wie kann man Spaß daran haben, ohne hündische Begleitung durch die Welt zu gehen? Keiner da, der vor rennt, der tolle oder blöde oder lustige Sachen macht, wenn man da so rumläuft; der interessiert stehen bleibt und den Blick des Menschen auf den Boden, in den Himmel, in den Wald lenkt; mit dem man sich 'unterhalten' kann und überhaupt: Ich fand das einfach nur doof und hab mich dabei ertappt, wie ich sehnsüchtig jeden Hund in der Ferne angestarrt habe und sehr schnell nicht nur Cloud, sondern generell einen bewegungsfitten Begleiter vermisste.

Es kam also, wie es kommen musste, und ich trieb mich immer wieder auf Hundevermittlungsseiten rum. Auch ein paar Würfe von Bordercolliezüchtern schaute ich mir online an, aber irgendwie hatte ich die Angst, dass ich einen Bordercollie doch zu sehr mit Cloud vergleichen würde und ich eine unfaire und zu hohe Anspruchshaltung an den Hund stellen würde, was ich auf jeden Fall vermeiden wollte.

Um des Hundes willen und um Clouds Andenken nicht zu verletzen, habe ich schnell ganz klar beschlossen, dass es kein Border werden darf - weder aus der Nothilfe, noch vom Züchter. Irgendwann später auf jeden Fall nochmal, aber erst, wenn ich etwas besser über den Verlust meines Superborders hinweg wäre.

Ein Welpe wäre vielleicht auch für unsere Omi Pearl ein bisschen zu anstrengend im täglichen Zusammenleben - immerhin sollte sie auf ihre alten Tage nicht noch gestresst oder vernachlässigt werden. Also grenzten wir schonmal vorsorglich ein, dass der Hund ab einem Jahr aufwärts sein sollte, kein Bordercollie und eher ein netter, unkomplizierter, ruhiger Vertreter, da der Hund von Anfang an auch mit ins Büro sollte.

Wenn man sich auf den Tierschutzseiten umschaut, dann wimmelt es nur so von Hunden, die niedlich oder süß oder traurig oder was auch immer sind. Aber so richtig war keiner dabei, in den ich mich direkt verliebte. Klar, der erste Eindruck ist immer vom Foto und das sollte natürlich nicht ausschlaggebend sein, aber für ein erstes Empfinden muss es halt doch herhalten.


Panina Tja und wie auch immer ich auf die Seite kam oder was genau mich irgendwann ansprach - ich weiß es nicht mehr, aber das erste Foto, das ich von Panina sah, löste etwas in mir aus. Sie sah so verschreckt, aber zugleich auch aufgeweckt aus und hat halt was in mir berührt. Vom Vermittlungstext her passte es auch und obwohl ich dachte, dass es nun doch irgendwie übertrieben sei, schon wieder über 400km für einen geretteten Hund zu fahren, wo es auch soooo viele tolle Hunde in näherer Umgebung gibt, musste ich mir jeden Tag ihr Foto anschauen und ihren Text lesen. Irgendwann zeigte ich das Bild dann auch Ralph, der sie auch ganz süß fand und meinte, dass ich ja eh nicht glücklich wäre, wenn ich da nicht mal nachfragen würde. Also gesagt, getan. Ich telefonierte mit dem Verein, die mir die Nummer von Paninas aktuellem Zuhause gab und schon am Abend wusste ich, was ich wissen musste.

Panina war noch kein Jahr alt, gerade erst aus einem rumänischen Shelter nach Deutschland gekommen, sehr sozial mit Hunden, aber sehr schüchtern mit Menschen. Man wünschte sich für sie eine Familie, in der ihr Potential (bzgl. Intelligenz und Bewegung) gefördert würde und die ihr die Chance geben würden, erstmal aufzutauen und sich mit allem Fremden in der Welt vertraut zu machen.

Irgendwie war das alles perfekt: Durch Pearl hatten wir ja schon Erfahrung mit ängstlichen Hunden; clickern und ständig draußen unterwegs sein mit evtl etwas Hundesport ist für uns schon fast Grundvoraussetzung für den Hund und Geduld mit Auslandshunden gab es nicht nur mit Pearl, sondern ja auch schon mit Laska. Es war also irgendwie alles perfekt und wir vereinbarten bei unserem Telefonat montags, dass wir schon am kommenden Sonntag mit Pearl nach Bielefeld kämen, um Panina mal kennen zu lernen.

Und jeder, der schon mal einen Hund adoptiert hat weiß, wie prägend solche ersten Gespräche und Eindrücke sind und dass man, wenn man adoptionswillig ist, eher nicht ohne Hund nach Hause fährt. Für uns war also eigentlich auch direkt klar, dass, sollte Panina kein Problem mit Pearl haben oder umgedreht, wir eher nicht nochmal die weite Fahrt machen würden. Für Paninas Pflegemenschen war das auch ok und für den Verein auch, wenn wir denn so schnell eine Vorkontrolle organisiert bekämen. Ohne positive Kontrolle - keine Adoption! Also glühten meine Finger heiß, als ich meine Freundesliste in Facebook nach potentiellen Kontrolleuren durchforstete und alle möglichen Menschen kontaktierte, von denen ich wusste, dass sie irgendwie im Tierschutz tätig sind oder wiederum jemanden kennen, der jemanden kennt... an dieser Stelle möchte ich mich nochmal ganz, ganz herzlich bei allen bedanken, die mir so schnell geholfen haben, indem sie Kontakte zu anderen Tierschützern aufnahmen, mir Adressen und Namen weitergaben etc. pp - ihr seid alle spitze!

Und tatsächlich hatte auch der Verein parallel zu meinen Bemühungen noch schnell jemanden gefunden, der Zeit hatte und Willens war, uns auf unsere Hundeelternqualitäten zu prüfen. Schon am übernächsten Tag hatten wir sehr, sehr netten Besuch, der seine (gute :)) Beurteilung auch ganz schnell an die Glücksfellchen (der vermittelnde Verein) weitergab, so dass wir dann auch das 'Go' hatten den Hund, sollte alles passen, mitzunehmen. Es musste also nur noch der Sonntag kommen. Und der kam.

Mensch, war ich aufgeregt. Einerseits, weil ich mich so freute und andererseits, weil ich ein schlechtes Gewissen Cloud gegenüber hatte. Aber ich weiß, dass niemals ein Hund diesen besten Bordercollie der Welt ersetzen kann. Genausowenig, wie irgendein Hund jemals Laska ersetzt hat oder das könnte. Und das ich ohne Hund bleibe, ist auch absolut nicht möglich! Außerdem bilde ich mir ein, dass irgendwo und irgendwie Laska und Cloud bei jedem vierbeinigen Neuzugang ihre Pfötchen im Spiel haben... also musste einfach alles gut werden - egal, wie der Besuch sein würde.


In Bielefeld wurden wir sehr lieb empfangen und gingen auch sofort mit Panina und einer schlaftrunkenen Pearl eine Runde spazieren. Pearl und Panina schnupperten aneinander, hatten aber ansonsten nicht viel miteinander am Hut. Die Rumänin zeigte sich zurückhaltend, aber nicht extrem ängstlich und wir bekamen viel von ihr und ihrer ersten Zeit in Deutschland erzählt. Viel konnte das noch nicht sein, da sie erst seit 2 Wochen da war und noch mitten in der Akklimatisierung steckte. Was aber deutlich wurde, war: Sie ist sehr schnell und flink, wenn sie denn mal kurz aus sich raus kommt und sie ist völlig überfordert, wenn menschliche Besucher kommen. Das zeigte sie auch nachdrücklich, als wir noch auf einen Kaffee ins Haus gingen. Quasi ohne Vorwarnung sprang sie mir bellend über den Tisch entgegen - und wir waren wohl beide ziemlich überrascht: Ich von dieser Art (hatte ich noch nie erlebt) und sie, weil ich gar nicht zurückwich oder irgendwas machte (weil ich halt so verdutzt war). Zwischen uns beiden war diese 'Attacke' die erste und bisher letzte Begegnung dieser Art (bei Ralph kam bzw kommt das auch nach mehr als einem Jahr noch fast regelmäßig vor... ganz zu schweigen von manchen Menschen auf der Straße - von Besuchern ganz zu schweigen). Wir können also nicht sagen, dass Panina uns nicht eine Idee davon gegeben hätte, was in ihr steckt. Aber wie das manchmal so ist: Ich hatte mich auf der Stelle in diesen Hund verliebt und natürlich fuhren wir zu viert nach Hause.

Die erste Nacht war dann auch tierisch aufregend. Panina hatte zwar auf der Fahrt in die Box gepieselt, wollte bzw konnte aber danach bei keinem unserer kurzen Spaziergänge irgendwas erledigen. Sie war einfach zu verschüchtert und hat dann tatsächlich erst nach mehr als 30h mal ganz schnell in den Garten gepinkelt. Ich bin fast wahnsinnig geworden vor Sorge, dass ihr die Blase platzt. Selbst mitten in der Nacht war ich noch raus, weil ich dachte, dass gegen 3 Uhr morgens alles so ruhig ist, dass es besser funktioniert. Außerdem hatte sie ja Dauerpinklerin Pearl als Schützenhilfe dabei ;).

Mit Pearl war aber von Anfang an alles prima. Wir mussten Panina zwar ein paar Mal bremsen, damit sie nicht zu dolle versucht, mit der Omi zu spielen, aber die beiden gaben echt ein drolliges Paar ab, als wir zum Beispiel schon nach 2 Monaten für ein Wochenende an die holländische Nordseeküste waren. Hier hat Pearl einen großen Anteil daran, dass Panina sich sofort im Ferienhaus wohlfühlte und auch schon kurz und ohne zetern oder jammern alleine bleiben konnte. Leider war Pearl nur für einen sehr kurzen Abschnitt an Paninas Eingewöhnung an ihrer und unserer Seite - aber sie hat einen sehr großen Anteil daran, dass Panina sich anfangs doch sehr schnell einlebte. Ich denke, die Orientierung an Pearl und deren Gelassenheit hat doch sehr gut geholfen, sich ein wenig sicherer zu fühlen. 2,5 Monate nach Paninas Einzug ist Pearl dann still und leise in ihrem Körbchen an einem Sonntagnachmittag für immer von uns gegangen... ich denke, sie war sich sicher, dass wir mit Panina ganz gut beschäftigt wären und sie der neuen nichts mehr weiter beibringen kann.

Und in der Tat: Es war und ist ordentlich was zu tun mit der Rumänin. In den ersten Monaten war es für Panina ein Graus, sich in die unbekannte Welt zu begeben. Auch Wege, die wir jeden Tag gingen, waren ihr unheimlich und sie ließ sich anfangs alle 50m einfach fallen und wollte keinen Schritt weitergehen. Wenn es irgendwo in den Wald ging, versuchte sie rückwärts aus dem Sicherheitsgeschirr zu kommen und ihre Kondition war gleich Null. Wenn sie irgendwo Menschen in der Entfernung sah, egal ob von vorne, hinten oder zur Seite, war sie unfähig, nur einen Schritt weiter zu gehen - sie musste genau beobachten, was diese Personen vorhaben und ob sie uns zu nahe kommen. Und wer zu nah kam oder sie gar ansprach, der bekam erstmal deutlich mitgeteilt, dass das absolut nicht notwendig ist und sie keinerlei Interesse daran hat, irgendwie im Mittelpunkt menschlicher Aufmerksamkeit zu stehen.

Wir haben also erstmal zuhause angefangen zu clickern - was sie interessant fand, aber (wie bei allen Lerneinheiten) immer nur für den Bruchteil eines Augenblicks und wenn Panina keine Lust mehr hat, dann hat sie keine Lust mehr. Das, was viele Leute als Sturheit bezeichnen, hat sie in Perfektion drauf - mittlerweile freut sie sich, wenn es ans Lernen geht und man kann schon etwas länger ihre Aufmerksamkeit fesseln. Aber ich muss sehr gut beobachten, wann es gleich zuviel sein könnte und deutlich vorher aufhören. Wenn man in den vergangenen Jahren immer Hunde mit einem deutlichen will-to-please hatte, die eher gebremst statt motiviert werden mussten, ist das eine ganz schöne Umstellung. Dank Click für Blick und dem eintrainieren des Handtargets können wir aber mittlerweile mit Panina weitergehen, wenn Menschen kommen oder gehen oder sie sonstwas interessantes sieht. Ihre Individualdistanz ist nach wie vor sehr groß und von Fremden mit zuviel Aufmerksamkeit bedacht zu werden, ist nach wie vor ein Unding in ihren Augen, aber wir sind ja auch noch lange nicht am Ziel. Dafür können wir jetzt stundenlange Runden auch in fremdem Gebiet drehen und sie trifft fast täglich neue vierbeinige Freunde, mit denen sie am liebsten weiträumige Rennrunden dreht... so richtig rennen und Haken schlagen, das braucht sie, um glücklich zu sein :).

Anfangs hat sie leider auch bei jeder noch so kleinen Autofahrt gekotzt und hatte naturgemäß auch absolut keinen Bock drauf, ins Auto zu steigen. Aber auch das gehört jetzt der Vergangenheit an und sie schaut sogar begeistert während der Fahrt aus dem Fenster - kein kotzen, kein hecheln, kein sabbern mehr :).

Panina ist wirklich ganz und gar nicht der Hund, den ich mir gewünscht hatte. Sie ist das genaue Gegenteil in so vielem von Laska, Cloud und Pearl: Sie ist ein absoluter one person Hund; ist gerne auch mal ganz allein in einem anderen Raum; hat keinen spürbaren Arbeitswillen oder den Drang, Frauchen zu gefallen und alles richtig zu machen; sie mag keinerlei fremde Menschen und ist schnell mit neuen Situationen überfordert und setzt dann auch gerne ihre Stimme ein. Sie ist irgendwie ganz speziell und so weit weg von meinem Traumhund, wie ein Fiat Panda von einem Düsenjet - aber ich liebe sie trotzdem (oder gerade deshalb) über alles. Wir haben noch einen wahnsinnig langen Weg vor uns und ich werde mich noch oft fragen, ob die Entscheidung, diesen Hund in unser Leben zu holen, wirklich richtig war - aber ich lerne gemeinsam mit ihr soviel neues und sehe Facetten und Eigenheiten, die mir an einem Hund bisher völlig fremd waren, dass es alleine dafür schon lohnenswert ist, sich richtig ins Zeug zu legen. Warten wir ab, wohin unsere Reise gehen wird :).


Panina Panina





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